Hilfsaktion Togo Togoville e. V.
Togolesische Schicksale - Yodor Gaben- Reisebericht Jürgen Schumacher
Über ein weiteres togolesisches Schicksal möchte ich Ihnen erzählen: über Yodor Gaben.
Der junge Mann wird von Mme Irma, Eigentümerin des Hotels Safari, in dem wir während unseres Togoaufenthaltes wohnen, als Kellner/Hotelkaufmann ausgebildet. Er ist 23 Jahre alt, hat vor zwei Jahren Abitur gemacht und hat noch zwei Jahre Ausbildung vor sich. Anders als in Deutschland erhalten die Auszubildenden kein Gehalt sondern müssen der Lehrherrin, innerhalb der drei Jahre rund 600,- € bezahlen. Mme Irma ist großzügig und gibt den Auszubildenden Unterkunft und Verpflegung, was nicht selbstverständlich ist. Yodor Gaben fiel mir (und uns) dadurch auf, dass er von uns Deutsch lernen wollte, nach der Methode: "learning by doing": "un café s'il vous plaît" - "bitte eine Tasse Kaffee", usw.
Er wiederholte gleich die deutsche Übersetzung, ließ sich gerne, was die Aussprache anbetraf, verbessern, so lange, bis der deutsche "Lehrer" zufrieden war.
Nach vier Tagen unseres Aufenthalts "schenkten" mir die "togolesischen Götter" eine Wundrose am linken Unterschenkel, mit anfangs hohem Fieber (und das im heißen Togo), das aber zum Glück dank unserer Ärztin Frau Dr. Koller-Müller schnell wieder fiel. Ein herrlich rot geschwollenes Bein blieb mir aber erhalten. Folge: lange Tage auf der Terrasse des Hotels vor meinem Zimmer, Eisbeutel aus der Hotelküche auf das linke Bein, während die anderen nach Togoville fuhren und mir abends von ihren Erlebnissen erzählten.
Yodor Gaben kümmerte sich, wenn er Dienst hatte, sehr um mich, fragte alle zwei Stunden, ob ich frisches Eis brauche zuerst auf Französisch, dann auf Deutsch, das Wort: "Eis" ist für togolesische Zungen nicht einfach, und dann, ich ahnte es schon, fragte er mich, ob ich ein "wenig Zeit" hätte. Mein Buch war auch nicht so spannend, also hatte ich Zeit.
Er erzählte mir, dass er vor zwei Jahren Abitur gemacht hätte und gerne in Lomé Rechtswissenschaften studieren möchte, ich hätte doch auch Jura studiert. Ich war über diese Einleitung etwas verblüfft, fragte ihn, wie er das Studium finanzieren wolle, ob er Chancen sehe, später als Richter oder als Anwalt arbeiten zu können, ob es nicht besser sei, erst seine Lehre als Kellner/Hotelkaufmann abzuschließen.
Ja, das würde er gerne machen, aber ihm fehle das Geld für die restliche Ausbildung, er befand sich am Ende des 1. Ausbildungsjahres, jetzt müsse er für die restlichen 2 Jahre noch 450,- € bezahlen, die hätte er nicht.
Auf meine Frage, wer denn die ersten 150.- € gezahlt hätte, antwortete er, diese habe ein Onkel gezahlt, dieser sei zwischenzeitlich gestorben, und die Eltern? Hätten kein Geld, er habe noch zwei schulpflichtige Schwestern.
Da er Abitur habe, bestehe sogar die Möglichkeit, dass er die Lehre in einem Jahr abschließen könne, dies kostet auch 450.- €, allerdings müsse er dann ein halbes Jahr auf die Hotelfachschule gehen. Ein Lehrer dieser Hotelfachschule habe ihm dies geraten.
Ich war sehr überrascht, mit einem solchen, kühnen "Angriff" hatte ich nicht gerechnet.
Ich sagte ihm, dass ich sein Anliegen mit Mme Irma, der Eigentümerin des Hotels und Schweizerin, besprechen wolle. Damit war er zufrieden.
Am selben Nachmittag, ich hatte ja Zeit, erzählte ich Mme Irma von meinem Erlebnis. Sie lächelte verschmitzt, wurde allerdings ärgerlich, als sie von dem Plan Yodor Gabens erfuhr, die "Turbo- Ausbildung" zu machen. Dazu fehle ihm die notwendige Energie und "das Köpfchen", wir könnten aber gerne die Angelegenheit mit ihm besprechen.
Nach dem Abendessen rief Mme Irma Yodor Gaben zu sich, und fragte ihn, ob er mit mir über die Finanzierung der Ausbildung und insbesondere die "Turbo- Ausbildung" gesprochen hätte.
Er bejahte dies und fügte hinzu, er sei fest entschlossen, die "Turbo- Ausbildung" zu absolvieren. Für ihn komme sonst nichts in Frage. Auf Mme Irmas Hinweis, er sei nach ihrer Meinung nicht klug genug, um die "Turbo-Ausbildung" zu schaffen, entgegnete er, sein Lehrer in der Hotelfachschule sei da ganz anderer Meinung.
Am nächsten Morgen kam er wieder mit einem Beutel frischen Eises zu mir und fragte mich, ob ich mit seinem Lehrer in der Hotelfachschule reden wolle. Wie erwartet bestätigte dieser Lehrer die Fähigkeit von Yodor Gaben, die "Turbo- Ausbildung" zu schaffen.
Das Spiel ging in die "zweite Runde", Mme Irma ließ auch nicht locker, nachdem ich ihr von dem Gespräch erzählt hatte, und rief den Direktor der Hotelfachschule an, ob er zu ihr kommen könnte, um die weitere Ausbildung von Yodor Gaben zu besprechen.
Der Direktor kam zu meiner Überraschung, Yodor Gaben auch, er hatte sogar - zu meinem Erstaunen -, seine Zeugnisse dabei: Das Abiturzeugnis und das Zeugnis für das erste Schuljahr an der Hotelfachschule: vorherrschende Note: ausreichend, das Schulzeugnis: gut.
Es begann die "dritte Runde". Der Direktor legte recht weitschweifig dar, dass Yodor Gaben wohl nicht für die "Turbo-Ausbildung" zugelassen werde, dazu seien seine Leistungen nicht gut genug. Und jetzt? Ich schaute Yodor Gaben fragend an, er lächelte und war mit der bisherigen Ausbildungsdauer einverstanden, aber finanzieren könne er sie nicht.
Also hatte er den Ball wieder zurück zu mir gespielt.
"Vierte Runde": Ich besprach mit Mme Irma, wie man helfen könne. Die vollständige Finanzierung der künftigen Ausbildung durch mich komme nicht in Frage, beteiligen würde ich mich aber schon. Mme Irma bat mich, dem jungen Mann, einen Teil der Ausbildung zu bezahlen, ich stimmte zu, da er - nach seiner Schilderung - die Ausbildung hätte abbrechen müssen.
Also wurde ein Vertrag mit Yodor Gaben, M. Jürgen (Schumacher) und Mme Irma aufgesetzt.
Ich bin gespannt, was ich in nächster Zeit von dem jungen Mann und der Hotelchefin hören werde.